Komorbidität / Diagnostik

Psychiatrische Komorbidität ist bei Menschen mit starkem Alkoholkonsum häufig. Eine sorgfältige Abklärung, in der auch psychiatrische Fragestellungen berücksichtigt werden, ist deshalb notwendig.

Untersuchung der psychiatrischen Komorbidität

  • Ambulante oder stationäre psychiatrische/ psychotherapeutische Vorbehandlung?
  • Kontakt zum Schulpsychologischen Dienst?
  • Suizidalität, frühere Suizidversuche?
  • Traumatisierende Ereignisse in der Lebensgeschichte (Missbrauch, Vernachlässigung, Gewalt etc.)?
  • Bei unklarer Symptomatik oder Verdacht auf eine psychiatrische Komorbidität in der Achse-I oder in der Achse-II (Persönlichkeitsstörung) ist es ratsam einen Psychiater hinzuziehen. Die suchtmedizinischen Ambulatorien und immer mehr auch Suchtfachstellen bieten diagnostische Abklärungsgespräche oder Assessments (erweiterte diagnostische Abklärungen) an.

Häufigkeit der psychiatrischen Komorbidität

  • Bei schizophrenen Erkrankungen ist das Risiko um das Vierfache erhöht, im Verlauf der Erkrankung eine behandlungsrelevante Alkoholproblematik zu entwickeln.
  • Bei bipolarer Erkrankung ist das Risiko um das Sechsfache, bei depressiven Störungen etwa um das Zweifache erhöht.
  • Risiko für Alkoholismus bei Angststörungen deutlich erhöht.
  • Bei unbehandeltem ADHD in der Kindheit und Jugend erhöht sich das Risiko für die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit um den Faktor 3 bis 4. Dies führt dazu, dass bei erwachsenen Alkoholabhängigen bis 20% eine ADHS in der Kindheit aufweisen.

Hinweis auf Depressionen

Leitsymptome:

  • Traurige Verstimmung, keine Fähigkeit zur Freude, Zukunftsängste, Gedankenkreisen bis hin zu suizidaler Stimmung und Suizidphantasien
  • Antriebsmangel, gelegentlich auch Tagesschwankungen mit abendlicher Bessserung der Symptome
  • Leichte Reizbarkeit, erhöhte Impulsivität
  • Schlafstörungen, erhöhte Ermüdbarkeit, verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit, Störung der Libido und Erektion
  • Schuldgefühle, Verminderung von Selbstwert und Selbstbewusstsein sowie Rückzugsverhalten

Hinweis auf Persönlichkeitsstörung

Leitsymptome:

A) Borderline-Persönlichkeitsstörung

  • Emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle
  • Ausbrüche von gewalttätigem und bedrohlichem Verhalten
  • Eigenes Selbstbild, Ziele und "innere Präferenzen" sind unklar und gestört
  • Häufig chronisches Gefühl innerer Leere
  • Neigung zu intensiven aber unbeständigen Beziehungen
  • Selbstverletzung (Schneiden), Suizidversuche oder –androhungen,
  • Intensive, immer wieder wechselnde partnerschaftliche Beziehungen, mangelhafte Impulskontrolle
  • Plötzliche, lange und intensive aversive Anspannungszustände, ohne die entsprechenden Emotionen differenzieren zu können.
  • Rasch wechselnde Emotionen (weinerlich, dünnhäutig und gleichzeitig aggressiv)

B) Dissoziale Persönlichkeitsstörung
Leitsymptome:

  • "Dissoziales" Verhalten mit Missachtung sozialer Regeln, aggressiv-reizbar, fehlende Reue nach Fehlverhalten, keine wesentliche Verhaltensänderung durch Bestrafung

C) Schizoide Persönlichkeitsstörung
Leitsymptome:

  • Introvertiert, isoliert lebend, Schwierigkeiten Gefühle zu zeigen

D) Narzisstische Persönlichkeitsstörung
Leitsymptome:

  • Eigene Stärken und Schwächen werden nicht richtig eingeschätzt
  • Stimmungsschwankungen zwischen Gefühlen eigener Grandiosität und Wertlosigkeit
  • Neigung zu depressiven Einbrüchen in Krisensituationen
  • Starke Kränkbarkeit

Hinweis auf psychotische Störung/Schizophrenie

Psychotische Phänomene können in mannigfaltiger Form auftreten und unterschiedliche Ursachen haben:

A) Intoxikationspsychose: Das Suchtmittel verursacht über die Vergiftung des Körpers einen psychotischen Zustand. In der Regel klingen die Symptome nach angemessener Zeit wieder ab.

B) Psychotische Phänomene als Entzugskomplikation: Hierbei handelt es sich in der Regel um delirante oder prädelirante Symptome, die durch Übererregbarkeit des Gehirns im Entzug ausgelöst werden können und einer unverzüglichen stationären Behandlung bedürfen. Da es sich um potentiell lebensbedrohliche Zustände handelt, erfolgt die Behandlung entweder im Spital oder in der geschlossenen Psychiatrie/Suchtmedizin.

C) Durch die Substanz ausgelöste Psychose: Hier wirkt das Suchtmittel als Trigger bei Personen mit einem erhöhten Risiko für das Auftreten einer Psychose oder Schizophrenie.

D) Eigenständige Schizophrenie: Hier wird der Alkohol als Selbstbehandlungsversuch konsumiert.

Psychotische Störungen und Schizophrenien sind im Allgemeinen durch grundlegende und charakteristische Störungen von Denken und Wahrnehmung sowie inadäquate oder verflachte Affektivität gekennzeichnet. Die Störung beeinträchtigt die Grundfunktionen, die dem Menschen ein Gefühl von Individualität, Einzigartigkeit und Entscheidungsfreiheit geben. Je nach im Vordergrund stehender Symptomatik unterscheidet man bei der Schizophrenie zwischen hebephrener, paranoider, katatoner und undifferenzierter Schizophrenie.

Hinweis auf ADH/ ADHS im Erwachsenenalter

  • Voraussetzung für die Diagnose im Erwachsenenalter ist, dass die Symptome bereits im Kindesalter bestanden, z.B. Zappelphilipp-Symptomatik in der Schule.
  • Im Erwachsenenalter ist es wichtig zu reagieren, wenn Symptome in den Hauptbereichen motorische Überaktivität, Impulsivität und/oder Aufmerksamkeitsstörung vorhanden sind.
  • Die Betroffenen leiden auch häufig unter extremen Stimmungsschwankungen sowie unter Desorganisation, was bedeutet, dass sie ihren Alltag nur unzureichend strukturieren und keine Prioritäten in den Aufgaben, die zu bewältigen sind, einhalten können. Dies lässt sie unzuverlässig erscheinen, was häufig zu entsprechenden Einbussen im sozialen Miteinander führt.
  • Im Erwachsenenalter erscheinen einige der Symptome, die im Kindesalter imponieren, eher maskiert, so wird aus der motorischen Hyperaktivität des Kindes beim Erwachsenen die innere Unruhe.
  • Für die Betroffenen ist es oft schwierig, über längere Zeit die Aufmerksamkeit zu fokussieren. Sie erscheinen leicht ablenkbar und können relevante innere und äußere Reize nicht entsprechend filtern und orden. Das Ergebnis ist ein mangelndes Durchhaltevermögen, Dinge werden nicht zu Ende gebracht, die Betroffenen reagieren schnell „gelangweilt“.
  • Reagiert werden sollte, wenn die Symptomatik im Erwachsenenalter weiter persistiert und zu entsprechenden Einbussen führt. Für die Diagnosestellung sollte ein Facharzt für Psychiatrie mit Spezialisierung auf ADHS im Erwachsenenalter herangezogen werden.
  • Falls eine medikamentöse Behandlung des ADHS sinnvoll erscheint, ist es empfehlenswert, diese von einem entsprechend erfahrenen Psychiater im Sinne einer Mitbehandlung durchführen zu lassen.

Weiterführende Literatur siehe auch: Drogenabhängigkeit; Geläufige psychiatrische Probleme, eine Publikation des COROMA (Collège romand de médecine de l'addiction) und der Schweizerischen Gesellschaft für Suchtmedizin (SSAM). Zu bestellen beim BAG.

 

Psychiatrische Komorbidität ist bei Menschen mit starkem Alkohokonsum häufig. Eine sorgfältige Abklärung in der auch psychiatrische Fragestellungen berücksichtigt werden ist deshalb notwendig.