Komorbidität

Psychiatrische Komorbidität bei Opioidabhängigkeit ist sehr häufig (40-80%) und beeinflusst den Erfolg einer SGB. Oft ist es sinnvoll neben der Substitution eine psychiatrische / psychotherapeutische Behandlung zu empfehlen, siehe auch internetbasiertes Lerntool (Wurst, Moggi, Berthel 2009).

Untersuchung der psychiatrischen Komorbidität

  • Ambulante oder stationäre psychiatrische / psychotherapeutische Vorbehandlung?
  • Anamnestische Hinweise auf frühere schulpsychologische Abklärungen (z.B. ADHS)?
  • Traumatisierende Ereignisse in der Lebensgeschichte (Vernachlässigung, Gewalt, Missbrauch etc.)
  • Familienanamnese?
  • Suizidalität, frühere Suizidversuche?
  • Bei unklarer Symptomatik oder Verdacht auf eine psychiatrische Komorbidität in der Achse-I (z.B. ADHS, Schizophrenie, substanzbezogene Störungen) oder in der Achse II (Persönlichkeitsstörung) ist es ratsam, einen Psychiater hinzuzuziehen. Die suchtmedizinischen Ambulatorien bieten diagnostische Abklärungsgespräche oder Assessments (erweiterte diagnostische Abklärungen) an.

Hinweis auf Depressionen

Leitsymptome:

  • Traurige Verstimmung, keine Fähigkeit zur Freude, Zukunftsängste, Gedankenkreisen bis hin zu suizidaler Stimmung und Suizidphantasien
  • Antriebsmangel, gelegentlich auch Tagesschwankungen mit abendlicher Besserung der Symptome
  • Leichte Reizbarkeit, erhöhte Impulsivität
  • Schlafstörungen, erhöhte Ermüdbarkeit, verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit, Störung der Libido und Erektion
  • Schuldgefühle, Verminderung von Selbstwert und Selbstbewusstsein sowie Rückzugsverhalten
  • Bei Männern oft auch vermehrte Reizbarkeit

Hinweis auf Persönlichkeitsstörung

A)     Borderline-Persönlichkeitsstörung
Leitsymptome:

  • Emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle
  • Ausbrüche von gewalttätigem und bedrohlichem Verhalten
  • Eigenes Selbstbild,  Ziele und "innere Präferenzen" sind unklar und gestört
  • Häufig chronisches Gefühl innerer Leere
  • Neigung zu intensiven, aber unbeständigen Beziehungen
  • Selbstverletzung (Schneiden), Suizidversuche oder –androhungen,
  • intensive, immer wieder wechselnde partnerschaftliche Beziehungen, mangelhafte Impulskontrolle
  • Plötzliche, lange und intensive aversive Anspannungszustände, ohne die entsprechenden Emotionen differenzieren zu können.

B) Dissoziale Persönlichkeitsstörung
Leitsymptome:

  • „Dissoziales“ Verhalten mit Missachtung sozialer Regeln, aggressiv-reizbar, fehlende Reue nach Fehlverhalten, keine wesentliche Verhaltensänderung durch Bestrafung

C) Schizoide Persönlichkeitsstörung
Leitsymptome:

  • Introvertiert, leben isoliert, Schwierigkeiten Gefühle zu zeigen

D) Narzisstische Persönlichkeitsstörung
Leitsymptome:

  • Eigene Stärken und Schwächen werden nicht richtig eingeschätzt
  • Stimmungsschwankung zwischen Grandiosität und Wertlosigkeit
  • Neigen in Krisen zu depressiven Einbrüchen

Hinweis auf psychotische Störung/Schizophrenie

Psychotische Phänomene können in mannigfaltiger Form auftreten und können unterschiedliche Ursachen haben:

A) Intoxikationspsychose: Das Suchtmittel verursacht über die Vergiftung des Körpers einen psychotischen Zustand. In der Regel klingen die Symptome nach angemessener Zeit wieder ab.

B) Durch die Substanz ausgelöste Psychose: Hier wirkt das Suchtmittel als Trigger bei Personen mit einem erhöhten Risiko für das Auftreten einer Psychose oder Schizophrenie.

C) Eigenständige Schizophrenie: Hier werden Opiate als Selbstbehandlungsversuch konsumiert.

Psychotische Störungen und Schizophrenien sind im Allgemeinen durch grundlegende und charakteristische Störungen von Denken und Wahrnehmung sowie inadäquate oder verflachte Affektivität gekennzeichnet. Die Störung beeinträchtigt die Grundfunktionen, die dem Menschen ein Gefühl von Individualität, Einzigartigkeit und Entscheidungsfreiheit geben. Je nach im Vordergrund stehender Symptomatik unterscheidet man bei der Schizophrenie zwischen hebephrener, paranoider, katatoner und undifferenzierter Schizophrenie.

 

Hinweis auf ADH/ ADHS im Erwachsenenalter

  • Voraussetzung für die Diagnose im Erwachsenenalter ist, dass die Symptome bereits als Kind bestanden, z.B. Zappelphilipp-Symptomatik in der Schule.
  • Im Erwachsenenalter ist es wichtig zu reagieren, wenn Symptome in den Hauptbereichen motorische Überaktivität, Impulsivität und/oder Aufmerksamkeitsstörung vorhanden sind;
  • Die Betroffenen leiden auch häufig unter extremen Stimmungsschwankungen sowie unter Desorganisation, was bedeutet, dass sie ihren Alltag nur unzureichend strukturieren und keine Prioritäten in den Aufgaben, die zu bewältigen sind, einhalten können. Dies lässt sie unzuverlässig erscheinen, was häufig zu entsprechenden Einbussen im sozialen Miteinander führt.
  • Im Erwachsenenalter erscheinen einige der Symptome, die im Kindesalter imponieren eher maskiert, so wird aus der motorischen Hyperaktivität des Kindes beim Erwachsenen die innere Unruhe.
  • Für die Betroffenen ist es oft schwierig, über längere Zeit die Aufmerksamkeit zu fokussieren. Sie erscheinen leicht  ablenkbar und könnten relevante innere und äußere Reize nicht entsprechend auswählen. Das Ergebnis ist ein mangelndes Durchhaltevermögen, Dinge werden nicht zu Ende gebracht, die Betroffenen reagieren schnell „gelangweilt“.
  • Reagiert werden sollte, wenn die Symptomatik im Erwachsenen weiter persistiert und zu entsprechenden Einbussen führt. Für die Diagnosestellung soll ein Facharzt für Psychiatrie, wenn möglich mit Spezialisierung auf ADHS im Erwachsenenalter herangezogen werden.
  • Falls eine medikamentöse Behandlung des ADHS sinnvoll erscheint, soll die Behandlung von Ärzten, welche sich auf Verhaltensstörungen bei Erwachsenen spezialisiert haben, begonnen und begleitet werden.