Mehrfachabhängigkeit

  • Der häufige Beikonsum von Benzodiazepinen bei Mehrfach- und/oder Alkoholabhängigkeit ist aus folgenden Gründen nachvollziehbar:
    • Meist sind sie auf dem Schwarzmarkt leicht verfügbar und relativ billig; eignen sich als Ersatz bei fehlendem Heroinangebot.
    • Kurzwirksame Benzodiazepine geben einen "Flash", v.a. wenn sie aufgelöst injiziert oder gesnifft werden.
    • Langwirksame Benzodiazepine geben eine 'Scheibe'.
    • Benzodiazepine lindern Entzugserscheinungen, Unruhe und Angstzustände (z.B. bei posttraumatischen Belastungsstörungen oder Psychosen) und werden als Schlafmittel gegen die oft quälende Schlaflosigkeit angewendet.
  • Die Abgabe von Benzodiazepinen an Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung unterliegt bis jetzt einem Bewilligungsverfahren; die leichte Verfügbarkeit von Benzodiazepinen in der Drogenszene lässt aber vermuten, dass nicht alle Fälle korrekt gemeldet werden. Eine kontrollierte Abgabe ist zu empfehlen.
  • Bei regelmässigem Gebrauch kann sich innerhalb weniger Wochen eine Benzodiazepin-Hochdosis-Abhängigkeit entwickeln (Behandlungsmethoden).
  • Mischkonsum von Opioiden, Alkohol und Benzodiazepinen birgt die Gefahr von verstärkter Atemdepression und Atemstillstand.


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Medikamente und Fahrtauglichkeit

  • Fragen bezüglich Fahrfähigkeit1 und Fahreignung2 unter Medikamenteneinfluss sind in der Hausarztpraxis häufig, aber oft nicht einfach zu beantworten und können für den Arzt juristische Folgen (Haftbarkeit) haben. Hinweise zum Thema Anzeigerecht des Arztes (keine Anzeigepflicht) sind im eidg. Strassenverkehrsgesetz Art. 15d1 Abklärung der Fahreignung oder der Fahrkompetenz, festgehalten.
  • Eine umfassende Aufklärung des Patienten hinsichtlich medikamentöser Behandlung, inkl. allfälliger Beeinträchtigungen der Fahrfähigkeit durch die betreffende Medikation ist wichtig, ebenso die entsprechende Dokumentation in der Krankengeschichte und gegebenenfalls schriftliche Quittierung der Anweisung nicht zu fahren, bis zum Widerruf. 
  • Ein Dilemma besteht darin, dass der Verzicht auf die Teilnahme am Strassenverkehr oft nicht kompatibel mit dem Erhalt / der Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit ist, was aus gesamttherapeutischer Sicht meist ungünstig ist.
  • Grundsätzlich sind abhängigkeitserzeugende psychotrope Medikamente bei einer vorbestehenden bekannten Suchtmittel-Problematik (Missbrauch/Abhängigkeit von Alkohol, Drogen, Medikamenten) eigentlich kontraindiziert (siehe im Kompendium unter Kontraindikation).
  • In der Realität bedürfen aber oft auch Patienten mit einer vorbestehenden Suchterkrankung einer Behandlung mit einem psychotropen Medikament. Für die Auswahl einer möglichst verträglichen und wirksamen Medikation kann es sich lohnen einen Sucht- oder Gerontomediziner zu kontaktieren.
  • Bei einer Behandlung mit Medikamenten, die potentiell die Fahrfähigkeit beeinträchtigen können, nicht zuletzt gerade auch bei Psychopharmaka, sollten die betroffenen Personen in der Einstellungs- bzw. Aufdosierungsphase unbedingt auf eine Teilnahme am Strassenverkehr verzichten. CAVE: Es gibt individuelle Wirkunterschiede bei der Anwendung eines oder mehrerer Medikamente, sodass eine potentiell mögliche Beeinträchtigung durch die Einnahme eines oder mehrerer Medikamente oft nur annähernd abgeschätzt werden kann.
  • Bei einer Behandlung mit potentiell die Fahrfähigkeit beeinträchtigenden Medikamenten ist immer und unbedingt zu einer Alkohol-Fahrabstinenz (Fahren nur in einem alkoholnüchternen Zustand) zu raten. Bei der Einnahme von zwei oder mehreren Medikamenten kann es zu medikamentösen Wechselwirkungen kommen und dies kann zu einer Wirkungsverstärkung der medikamentösen Effekte beitragen.

Weiterführende Infos, siehe auch
http://www.der-arzneimittelbrief.de/de/Artikel.aspx?SN=7047

1Definition: Momentane, zeitlich umschriebene sowie ereignisbezogene, physische und psychische Befähigung zum sicheren Lenken eines Motorfahrzeugs im Strassenverkehr
2Definition: Allgemeine, zeitlich nicht umschriebene und nicht ereignisbezogene, physische und psychische Eignung zum sicheren Lenken eines Motorfahrzeugs im Strassenverkehr

 

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Überdosierung

Empfehlung durch das Schweizerische toxikologische Informationszentrum, Zürich

Anzeichen und Symptome

  • Es sollte zwischen einer mässigen Überdosierung (z. B. durch doppelt eingenommene Medikation) und starker Überdosierung unterschieden werden. Hierbei ist die Grenzdosis für schwere Überdosierungssymptome nicht bekannt.
  • Bei einer mässigen Überdosierung sind Symptome wie Schwindel, Herzklopfen und Schlafstörungen zu erwarten, die bedingt durch die Halbwertszeit nach wenigen Stunden verschwinden.
  • Eine Überdosierung ist gekennzeichnet durch überschiessende sympathikomimetische Erregung und äussert sich in Symptomen wie: Erbrechen, Agitiertheit, Tremor, Hyperreflexie, Muskelzuckungen, Konvulsionen bis zum Koma, Euphorie, Konfusion, Halluzinationen, Delirium, Pyrexie, Tachykardie, Palpitationen, Sinusarrhythmie, Hypertonie, Mydriasis und Schleimhauttrockenheit.
  • Cave: bei einer Überdosierung muss auf den verzögert freisetzenden Anteil von Methylphenidatpräparaten geachtet werden.

Behandlung

  • Bei Einnahme von > 10 mg/kg Körpergewicht (KG) primäre Dekontamination mit Aktivkohle 1 g/kg KG, sowie Hospitalisation in einem Akutspital und Überwachung (Bewusstsein und Kreislauf) für 3 h bei Normalpräparaten, für 4-6 h bei Retardpräparaten, asymptomatische Patienten können danach entlassen oder verlegt werden.
  • Bei Agitation/Krämpfen Gabe von Benzodiazepinen.
  • Patienten, die sich das Präparat nicht auf oralem Weg appliziert haben, sollten auch bei kleineren Mengen überwacht werden.

 

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Nachweisbarkeit

  • Die in der Praxis oft verwendeten Urin Schnelltests auf Drogen und Medikamente haben aufgrund der möglichen Kreuzreaktionen lediglich hinweisenden, jedoch keinen beweisenden Charakter.
  • Benzodiazepin-Gruppentests ergeben oft negative Resultate nach Einnahme von Bromazepam, Clonazepam oder Lorazepam.
  • Falsch-positive Resultate auf Benzodiazepine sind je nach Schnelltest beschrieben für Sertralin (Zoloft®), Efavirenz (Stocrin®), Venlafaxin (Efexor®), Fluoxetin (Fluctine®) und Trimethoprim (Bactrim®).
  • Für die Z-Hypnotika (Zolpidem, Zopiclon) gibt es keine Schnelltests, der Urin bleibt negativ auf Benzodiazepine.
  • Mittels immunchemischer Testverfahren werden gängige Medikamentengruppen (z.B. Benzodiazepine, und Zolpidem, Barbiturate, trizyklische Antidepressiva) im Urin nachgewiesen. Je nach Fragestellung können zusätzliche Analysen im Blut oder im Haar durchgeführt werden. Bei bestrittener Einnahme ist eine Bestätigungsanalyse erforderlich. Zur Beurteilung einer allfälligen aktuellen Beeinflussung ist die Analyse einer Blutprobe erforderlich.
  Urin Blut

Benzodiazepine

- niedrig dosiert, kurze Einnahme

- höher dosiert, längere Einnahme

1 Tag    

bis zu 6 Wochen         

meist nicht nachweisbar

einige Tage 

Barbiturate

- kurzwirkend

- langwirkend

1 Tag

2-3 Wochen

wenige Stunden

einige Tage

Tricyklische Antidepressiva     bis 7 Tage 1-2 Tage

Zolpidem

- niedrig dosiert

- höher dosiert

1 Tag

> 1 Woche

meist nicht nachweisbar

einige Tage

 

 

1Vgl. Urinschnelltests (Immunoassays) auf Drogen und Medikamente - Wissenswertes für den Arzt von Matthias Pfäffli, Franz Oswald, Wolfgang Weinmann, Schweiz Med Forum 2013;13(16):318–322

 

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Strassenverkehr

  • ADHS-Betroffene haben im Strassenverkehr rein statistisch ein erhöhtes Unfallrisiko. Eine medikamentöse Behandlung verbessert in der Regel die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsleistung, sowie die Impulskontrolle. Die Einnahme MPH-haltiger Medikamente muss nicht speziell gemeldet werden.
  • Grundsätzlich muss jeder Verkehrsteilnehmer sich die Frage beantworten, ob sein aktuelles Befinden die Teilnahme am Strassenverkehr einschränkt. Das gilt zum Beispiel auch für Menschen mit Migräne, mit Diabetes oder Depressionen - und auch für ADHS-Betroffene.
  • Methylphenidat kann in Einzelfällen Schwindel, Schläfrigkeit, verschwommenes Sehen oder andere Nebenwirkungen des zentralen Nervensystems verursachen. Patienten, die solche Nebenwirkungen entwickeln, sollten das Lenken von Fahrzeugen, Bedienen von Maschinen oder andere potentiell gefährliche Aktivitäten unterlassen. Wichtig ist, dass Stimulanzien in der Regel die Aufmerksamkeit, Konzentration und Impulskontrolle unterstützen.
  • Ein verkehrsrelevanter Substanzkonsum (Alkohol, Drogen) schliesst das Führen eines Motorfahrzeuges in jedem Fall aus - unabhängig von der subjektiven Einschätzung der Fahrtauglichkeit!

 

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