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Psychedelika-assistierte Therapie von Abhängigkeitserkrankungen

  • Die Psychedelika-assistierte Therapie (PAT) ist eine spezielle Form der Psychotherapie, bei der psychedelisch wirksame Substanzen wie LSD oder Psilocybin zur Behandlung von psychischen Erkrankungen verwendet werden; und sie umfasst Gespräche zur Vor- und Nachbereitung sowie eine therapeutische Begleitung an den Behandlungstagen.
  • Im Gegensatz zu vielen klassischen Psychopharmaka werden die Substanzen in der PAT in einem begrenzten Umfang, z.B. 1 – 4-malig, und in grösseren zeitlichen Abständen (Wochen bis Monate) verabreicht.
  • LSD und Psilocybin wurden in den 1950er und 1970er Jahren relativ breit in klinischen Studien untersucht und auch im psychiatrischen Alltag angewandt1. Neben der Behandlung der rezidivierenden depressiven Störung war die Behandlung der Alkoholabhängigkeit mit LSD hierbei ein Schwerpunkt und mehrere randomisierte, kontrollierte Studien erbrachten eine gewisse Evidenz für diese Anwendung2.
  • In den letzten Jahren wurde die Behandlung der Alkoholabhängigkeit mit Psilocybin im Rahmen einer Pilotstudie und einer grösseren Phase-II-Studie untersucht, wobei auch hier ein therapeutischer Nutzen bei Trinkmengenreduktion und Abstinenz gesehen wurde3,4.
  • Für andere Abhängigkeitserkrankungen besteht derzeit so gut wie keine Evidenz.
  • Weder LSD noch Psilocybin sind aktuell als Medikament zugelassen. Die Anwendung ist daher nur im Rahmen von klinischen Studien oder - bei Personen mit Wohnsitz in der Schweiz - im Rahmen von Sonderbewilligungen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) möglich.
  • Die Indikation sollte nach sorgfältiger Abwägung und unter Berücksichtigung der bestehenden und laufend expandierenden Evidenz erfolgen.
  • Sonderbewilligungen können durch eine Ärztin oder einen Arzt beantragt werden. Wird durch das BAG eine Bewilligung erteilt, gilt diese für die jeweilige Patientin oder den jeweiligen Patienten und zunächst für die Dauer eines Jahres.
  • Die Behandlung sollte durch eine Fachperson mit entsprechenden Kenntnissen erfolgen. Eine Liste mit möglichen ambulanten und stationären Anlaufstellen ist verfügbar, die Nachfrage übersteigt zur Zeit allerdings das therapeutische Angebot.

Nebenwirkungen

  • Insgesamt wurden LSD und Psilocybin in modernen klinischen Studien bei jeweils mehreren hundert Versuchspersonen untersucht, ohne dass schwerwiegende Nebenwirkungen aufgetreten sind. LSD und Psilocybin sind auf der körperlichen Ebene sehr sicher, auch stellt Abhängigkeit kein relevantes Problem dar5,6.
  • Relevante Nebenwirkungen bestehen vor allem im psychischen Bereich. So erleben im Rahmen von Studien 20-30% der Personen in einem deutlichen Ausmass negative Wirkungen wie Ängste, seltener auch Paranoia7,8.
  • LSD und Psilocybin können eine psychische Destabilisierung (Erschöpfung, Traurigkeit, vermehrte Ängste, emotionale Leere…) auslösen, die noch für Tage bis Wochen nachwirken können.
  • Als schwerste Nebenwirkungen gelten die Auslösung einer psychotischen Episode und die Halluzinogen-induzierte persistierende Wahrnehmungsstörung (HPPD). Beide Erkrankungen gelten als relativ selten und sind im Rahmen von Studien und der klinischen Anwendung bisher nicht aufgetreten9–12.

Kontraindikationen

  • Als absolute Kontraindikationen werden angesehen:
    • Psychotische oder bipolare Erkrankungen in der Vorgeschichte oder bei nahen Verwandten, da bei solchen Personen durch die Substanz eine psychotische oder manische Phase ausgelöst werden könnte.
    • Schwangerschaft und Stillzeit
  • Als relative Kontraindikationen werden angesehen:
    • Somatische Erkrankungen, die ein Risiko darstellen könnten, z.B. schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen
    • Sehr instabiler psychischer Zustand, Suizidalität
    • Instabile therapeutische Beziehung (z.B. bei Borderline-Erkrankungen)
    • Dementielle Erkrankungen
    • Trauma-Erkrankungen
    • Einnahme von Medikamenten mit relevanten Interaktionen, die nicht abgesetzt werden können, wie z.B. Neuroleptika, die als Serotonin-Antagonisten wirken.

Weiterführende Links


1Nichols DE, Walter H. The History of Psychedelics in Psychiatry. Pharmacopsychiatry 2021;54(04):151–66.

2Krebs TS, Johansen PØrO. Lysergic acid diethylamide (LSD) for alcoholism: meta-analysis of randomized controlled trials. J Psychopharmacol [Internet] 2012;26(7):994–1002. Available from: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22406913

3Bogenschutz MP, Ross S, Bhatt S, et al. Percentage of Heavy Drinking Days Following Psilocybin-Assisted Psychotherapy vs Placebo in the Treatment of Adult Patients With Alcohol Use Disorder. JAMA Psychiatry 2022;79(10):953.

4Bogenschutz MP, Forcehimes AA, Pommy JA, Wilcox CE, Barbosa PC, Strassman RJ. Psilocybin-assisted treatment for alcohol dependence: a proof-of-concept study. J Psychopharmacol 2015;29(3):289–99.

5Passie T, Halpern JH, Stichtenoth DO, Emrich HM, Hintzen A. The pharmacology of lysergic acid diethylamide: a review. CNS Neurosci Ther [Internet] 2008;14(4):295–314. Available from: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19040555

6Nichols DE. Psychedelics. Pharmacol Rev [Internet] 2016;68(2):264–355. Available from: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26841800

7Griffiths RR, Richards WA, McCann U, Jesse R. Psilocybin can occasion mystical-type experiences having substantial and sustained personal meaning and spiritual significance. Psychopharmacology (Berl) 2006;187(3):268–92.

8Holze F, Caluori T V., Vizeli P, Liechti ME. Safety pharmacology of acute LSD administration in healthy subjects. Psychopharmacology (Berl) [Internet] 2021 [cited 2021 Oct 14];1:3. Available from: https://doi.org/10.1007/s00213-021-05978-6

9Martinotti G, Santacroce R, Pettorruso M, et al. Hallucinogen persisting perception disorder: Etiology, clinical features, and therapeutic perspectives. Brain Sci. 2018;8(3):47.

10Arturo G Lerner, Marc Gelkopf, Irena Skladman, Igor Oyffe, Boris Finkel, Mircea Sigal AW. Flashback and Hallucinogen Persisting Perception Disorder: clinical aspects and pharmacological treatment approach - PubMed. Isr. J. Psychiatry Relat Sci. 2002;

11Holland D, Passie T. Flashback-Phänomene als Nachwirkung von Halluzinogeneinnahme: eine kritische Untersuchung zu klinischen und ätiologischen Aspekten [Internet]. VWB, Verlag für Wiss. und Bildung; 2011. Available from: https://books.google.ch/books?id=t2cOMwEACAAJ

12Abraham HD, Aldridge AM, Gogia P. The psychopharmacology of hallucinogens. Neuropsychopharmacology 1996;14(4):285–98.